In Selbststeuerung/ Working Out Loud

Wie schafft sie das nur?

Eine Frage, die ich sehr häufig gestellt bekomme, lautet: Wie schaffst Du das alles nur? Abgesehen davon, dass ich diese Frage blöd finde (meine Lieblingsbloggerin Stefanie Luxat hat da mal was sehr Schönes geschrieben), finde ich sie auch unpräzise. Was heißt denn „das ALLES“? Und was bedeutet eigentlich „schaffen“?

Besonders blöd finde ich an der Frage vor allem: die Implikation. Denn die Frage impliziert auf den Fragenden, dass er (oder: meistens sie, to be fair) von sich selbst glaubt, zu wenig oder gar NICHTS zu schaffen. Schlechter zu arbeiten oder vielleicht sogar schlechter zu sein als ich. Und das kann ich schon mal gar nicht leiden. Jeder von uns hat Talente und Können, manchmal liegt es noch vergraben in der Erde, oftmals aber sehen wir es einfach nicht. Wenn wir uns wünschen „Wäre ich doch wie …“ – dann ignorieren wir alles, was wir mitbringen, und fokussieren uns auf Dinge, die andere haben und die wir uns vielleicht niemals aneignen werden. Warum nur? Warum machen Menschen sowas? Mehr bei sich zu bleiben, auf das eigene Potential zu schauen ist so viel gesünder, schöner – und führt auch dazu, dass man tatsächlich „mehr schafft“.

Denn das wäre tatsächlich mein allererster Tipp: Schau auf das, was Du hast und gut kannst – und versuche daraus zu schöpfen. Ich kann zum Beispiel sehr gut und sehr schnell Dinge erfassen – ich liebe es, zwischen und hinter den Zeilen zu lesen und diese Botschaften auszuformulieren. Also nutze ich dieses Potential und versuche es überall einzusetzen.

Mein zweiter Tipp wäre ganz klar: Versuche Synergien zu schaffen. Das ist bei mir angewandte 80-20-Regel. In 20% der Zeit können wir 80% der Aufgaben erledigen. Ich sage: Investiere weitere 2% und Du schaffst sogar 95%. Warum? Wenn wir uns ein bisschen Zeit dafür nehmen zu überlegen, wie wir aus den 80%, die wir schon geleistet haben, ganz einfach Mehrwert schaffen und so zur Wertschöpfung und Wirkung beitragen können, braucht es nicht mehr viel Zeit, um den Einsatz zu vervielfältigen. Das ist eigentlich eine simple Logik aus den digitalen Geschäftsmodellen: Wie schaffe ich es, dass meine Arbeit skaliert? Nehmen wir das Handwerk als Beispiel – ein Bereich, der kaum skalierbar ist. Denn wenn ich einen Dachstuhl aufgestellt habe, brauche ich für den nächsten dennoch viel Zeit. Klar: Durch Erfahrungswissen und vielleicht auch das Glück, dass die nächste Baustelle sehr ähnlich zur ersten ist, kann ich Zeit einsparen. Diese Ersparnis ist aber wirklich minimal.

Wie kann ich aber auch als Handwerker dazu beitragen, dass meine Arbeit skaliert? Nun, ich könnte z.B. die Besonderheiten dieses Bauvorhabens, die ich mit viel Hirnschmalz lösen musste, beschreiben und auf einem Blog anderen Handwerkern zur Verfügung stellen. Ich könnte aber auch einfach die einzelnen Arbeitsschritte mit Bildern dokumentieren und so zukünftigen Bauherren (die häufig keine Ahnung vom Handwerk haben) aufzeigen, wie sich die Baustelle bei ihnen entwickeln wird, wo Besonderheiten zu erwarten sind etc. Im ersten Beispiel nutze ich das eine Geschäft (B2C), um ein anderes aufzuladen (B2B) und könnte sogar ein Geschäftsmodell darunterlegen. Im zweiten Beispiel nutze ich meine Arbeit und mache sie sichtbar, sodass ich sie im Marketing, aber eben auch in der Kundenbetreuung einsetzen kann. Beides Beispiele haben wundersamer Weise mit Ansätzen des Working Out Loud zu tun…

Und das übrigens nicht zu unrecht! Denn ich bin tatsächlich der Meinung, dass wir durch Working Out Loud (als Kompetenz, nicht als Lernprogramm) unsere Wertschöpfung potentieren können. Nicht immer so, dass wir neue Geschäftsmodelle und Cash Flows generieren, aber immer so, dass wir unsere Wirksamkeit verbessern, was im Zweifel einfach auch auf unser Selbstwertgefühl einzahlt.

Das wäre übrigens ein dritter Tipp zum Thema „Wie schafft die das alles nur?“ – ich sorge immer dafür, mir regelmäßig vor Augen zu führen, wie es um meine Wirksamkeit steht. Warum? Allzu leicht lassen wir uns davon ablenken, was schiefgegangen ist. Was partout nicht funktioniert hat. Das geht mir natürlich auch so! Mindestens eine von fünf Ideen ist absoluter Bullshit und funktioniert ist. So what? Vier andere sind großartig – oder zumindest okay :-) In Summe habe ich definitiv mehr Gutes getan als Schlechtes produziert. Dennoch wiegt das Misslingen oftmals mehr und trägt dazu bei, dass wir uns wirkungslos fühlen.

Und genau dieses Gefühl muss radikal bekämpft werden. Das Gefühl, wirkungslos zu sein, ist die Wurzel allen Böses. Okay, okay, das wiederum klingt sehr kämpferisch und brutal, aber denk doch mal in Ruhe darüber nach: Dieses Gefühl sorgt dafür, dass wir wie paralysiert sind, nichts Neues mehr ausprobieren wollen – und dann eben auch nicht die Erfahrung machen, was wir bewirken können. Ein klarer Teufelskreislauf. Diesen zu überwinden kostet viel Mut – und zwar nicht nur 1x, sondern immer wieder. Da geht es mir nicht anders als dem Rest der Menschheit. Auch ich muss diese Dämonen immer wieder ins Auge fassen und mit ihnen kämpfen. Ich habe nur mittlerweile viel Erfahrung damit :-)

Wie schaffe ich das alles bloß? Definitiv mit guter Planung, durchdachtem Einsatz von Ressourcen, einem positiven Mindset – und definitiv auch mit einer großen Portion Non-Perfektionismus. Perfektionismus ist wirklich etwas, was die meisten Menschen davon abhält, ihr Potential voll auszuschöpfen. Nichts gegen Perfektionismus per se! Ich glaube, dass es viele perfektionistische Menschen braucht, die detailreiche Aufgaben mit Argusaugen erledigen. Aber oftmals bleibt es leider nicht dabei und der Perfektionismus macht sich überall breit und nimmt viel zu viel Raum ein. Deshalb eine Botschaft an alle Perfektionisten da draußen: Umarmt Euren Perfektionismus, seid gut zu ihm – und sucht den Aus-Schalter. Und übt damit! Schaltet Euren Perfektionismus an und aus – dann kann er zu Eurem größten Asset und bestem Freund werden.

 

No Comments

Leave a Reply