In Agile Methoden

Wie agil ist eigentlich der Rettungsdienst?

Seit ich mich mehr mit Methoden der Agilität, insbesondere Scrum, auseinandersetze, ist immer wieder diese eine Frage in meinem Hinterkopf: Wie anwendbar ist das denn eigentlich? Wie gut lassen sich welche Funktionen – insbesondere HR – agil umsetzen? Oder kann Agilität immer nur im Rahmen einer Nische funktionieren? Ein agiles Team mitten im Silo? Bzw. ein paar agile Methoden im sonst klassischen Ablauf von Prozessen und Wasserfällen? Auch eine Kooperationsstudie der DGFP mit Kienbaum beschäftigt sich mit der Frage, wie agil HR eigentlich ist – auch das war sehr spannend zu lesen.

In meinem Fall hat mich die Agilität quasi rücklings überfallen, als ich meinen Schwiegervater bei der Arbeit besucht habe. Er arbeitet für das DRK im Rettungsdienst als Rettungsassistent und Leiter der Rettungswache. Da kommt also einiges zusammen. Hin und wieder besuche ich ihn auf der Wache mit meinen beiden Töchtern, die das alles immer sehr spannend finden. Wir waren jedenfalls in seinem Büro, weil er noch kurz etwas holen wollte, als mit ein A3 Blatt an der Wand auffiel.

„Ach, das ist ja spannend“, sagte ich. „Das Papier?“, fragte er, „Ja, das ist total super. Selbstklebend durch statischen Effekt, haftet problemlos an der Wand aber auch im Rettungswagen.“ Das Papier an sich fand ich gar nicht so spannend – den Effekt kannte ich schon und habe auch selbst schon damit gearbeitet. Viel spannender fand ich zu sehen, was drauf war: eine schnell gezeichnete Mini Tabelle, verschiedene Farben und Handschriften. Und tatsächlich sah ich: ein agiles Artefakt!

Denn im Rettungsdienst muss es schnell gehen – und in der Regel arbeiten viele Hände an einem Patienten. Im „Normalfall“ haben wir zwei Rettungssanitäter auf einem Rettungswagen plus Rettungsassistent und Notarzt auf dem NEF. Alle vier kümmern sich auf die ein oder andere Art um den Patienten, verabreichen Medikamente, führen Messungen durch usw. (alles übrigens mit Vorsicht zu genießen, denn ich habe KEINE Ahnung von Medizin, also alle Angaben nur unter Vorbehalt und beispielhaft zu verstehen). Noch spannender wird es ja, wenn der Patient in ein Krankenhaus eingeliefert wird und die Informationen schnell aber vor allem auch verlässlich weitergegeben werden müssen. Schnelligkeit spielt hier eine extrem wichtige Rolle – aber eben auch Genauigkeit.

Dabei hilft z.B. jenes Papier: Darauf halten alle Mitarbeitenden fest, was sie wann wie gemacht haben bzw. welche Werte sie gemessen haben. Alles auf einen Blick, sodass jeder direkt auf das Wissen zugreifen kann und es weiterverarbeiten kann. Ohne große Transaktionskosten durch Schnittstellen, immer optimiert auf Geschwindigkeit und Genauigkeit. Genau wie in agilen Methoden für die Zusammenarbeit von Teams vorgegeben und angedacht!

Ich war wirklich begeistert – einerseits von der Einfachheit der Methode. Keine komplizierte App, die genutzt werden muss (obwohl andere Rettungsdienste eine solche natürlich nutzen und diese noch bessere Schnittstellenoptimierung beinhaltet), intuitiver Einsatz und keine Hürden der Teilnahme für Mitarbeiter, die vielleicht noch nicht wirklich in der digitalen Welt angekommen sind. Andererseits vom Erfolg der Methode – sicherlich gibt es hier und da noch Verbesserungsmöglichkeiten, dennoch dient diese Art des Arbeitens dem Wohl des Patienten. Also: wirkliche Wertschöpfung. Vor allem begeisterte mich: Agiles Arbeiten in einem definitiv handwerklichen Bereich!

Agile Methoden beschränken sich also keineswegs auf die Softwareentwicklung oder sind gar White Collar-Arbeitern vorenthalten. Im Gegenteil! Ich bin der festen Überzeugung, dass insbesondere im Blue Collar-Bereich und im Handwerk agiles Arbeiten zu tollen Erfolgen führen kann – und vielleicht durch die mit agilen Methoden einhergehenden Verschiebungen von Hierarchieebenen – sogar einen Beitrag zur Reduktion des Fachkräftemangels leisten können.

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