In HR der Zukunft/ Working Out Loud

Was mir meine Tochter über die Arbeitswelt von morgen beigebracht hat

Kinder zu haben bedeutet, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sagen zumindest viele Eltern. Und ja, es stimmt – man wird nochmal ganz anders auf die alltäglichen Wunder aufmerksam und nimmt automatisch (vor allem physisch!) andere Blickwinkel ein. Hin und wieder aber lerne ich etwas von meiner Tochter, was darüber hinaus geht.

Vor wenigen Wochen haben wir uns ein neues Brettspiel zugelegt: Tempo kleine Schnecke. Ein echter Klassiker aus dem Hause Ravensburger. Es soll Farbenwissen und das Gespür für erste Regeln schulen. Das Schöne (aus meiner Perspektive): Es gewinnt kein Spieler, sondern eine der farbigen Schnecken, die die Spieler gemeinsam durch Würfeln ins Spiel bringen. Einfache Regel: Wirf den Würfel. Bewege die Schnecke, deren Farbe der Würfel zeigt, ein Feld nach vorne. Fertig.

Emma liebt das Spiel – und die Schnecken. Unsere gemeinsame Spielezeit ist für sie im Moment die schönste Zeit des Tages. Es hat ein, zwei Partien gedauert, dann hatte sie die Regeln intus. Weitere fünf oder sechs Partien später fängt sie an zu schummeln. Ein Feld? Nö. Lieber gleich drei oder vier. Eine Schnecke bewegen? Nein, lieber zwei auf einmal. Die Schnecken in ihrer Bahn laufen lassen? Viel zu langweilig – also lieber kreuz und quer.

Ich bin hin und her gerissen – schließlich soll es ja auch ums „Erste Regeln lernen“ gehen, also muss ich doch eigentlich auch entsprechend anleiten. Will sie vielleicht genau das? Dass ich mehr anleite und sage: So aber nicht, die Regel sagt XYZ? Ich hadere noch mit mir, da beschließt sie, dass die rosafarbene Schnecke, die in dieser Partie noch ziemlich hinterher hinkt, jetzt ganz dringend bis zur grünen Schnecke, die Spitzenreiter ist, aufrücken muss.

„Emma, das geht so aber nicht. Die Regel sagt: Immer nur ein Feld.“ – „Mama, aber die Schnecken wollen doch kuscheln.“ – „Ja, ich weiß, aber die Regel…“ – „Mama – warum ist die Regel so? Die könnte doch auch ganz anders sein.“

Bämm – das hat gesessen. Die Regel könnte doch auch ganz anders sein. Wie Recht sie hat! Bei diesem Spiel haben sich die Autoren eben auf Regelset A geeinigt. Das heißt ja aber noch lange nicht, dass wir das Spiel immer nach diesem Regelset spielen müssen. Warum nicht Regelset B, C und D entwerfen, die ganz andere Spielzüge erlauben und andere Geschichten ermöglichen? Jenseits von „Welche Schnecke schafft es zuerst an den Salat?“

Gleiches gilt für unsere Arbeit: Wir haben ein breites Spielfeld vor uns liegen, etliche Mitspieler – und spielen nach bestimmten Regelsets. Und wie bei Tempo kleine Schnecke gilt auch hier: Warum müssen wir tatsächlich immer nur nach Regelset A spielen? Weil man das halt so macht? Weil es eben diese Regel gibt? Warum nicht einfach neue Regeln ausprobieren – Regeln, die uns sinnvoller erscheinen, schöner, freudvoller. Produktiver, authentischer, variabler?

Wenn wir neue Regeln gestalten und zulassen und all die „Aber die Regel…“-Sager hinter uns lassen, dann gestalten wir auf einmal neue Arbeitswelten, dann erzählen wir neue Geschichten und schaffen neue Produkte und Services. Ich bin guter Dinge, dass wir bald genau dort ankommen – ich werde jedenfalls mein Bestes geben, meine Tochter auf diese neue Arbeitswelt vorzubereiten. Indem ich sie mehr sein lasse, wer sie bereits ist.