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Quo vadis WOL? Eine Reflexion zu Sebastian Hollmann

Seit ich mich mit Working Out Loud beschäftige, liebe ich es, die Gedanken, die Sebastian Hollmann auf seinem Blog HR Strategie teilt, weiterzuspinnen. Er schreibt unglaublich dicht und fundiert über die Methode WOL – und da er auch Teil des Young Professional Networks der DGFP ist, das ich betreue, stand er im Frühjahr auch für ein einführendes Webinar zur Verfügung. Vor wenigen Tagen hat er eine Reflexion zur WOL-Methode veröffentlicht und einen Entwurf für ein Kurzprogramm zur Diskussion gestellt. Aber nicht nur das, er hat auch diverse Ansätze aus der Social Learning-Community vorgestellt und sie miteinander verglichen – ein paar kannte ich schon, einige nicht. Besonders merkenswert fand ich Sebastians Ausführungen dazu, wie WOL als Bewegung wächst, nämlich auf dreierlei Weise: 1. zahlenmäßig durch größere Verbreitung der Methode, 2. durch Einsatz von WOL für immer mehr Use Cases sowie 3. die methodische Weiterentwicklung von WOL.

Ich glaube, der letzte Punkt ist eigentlich der spannendste. Working Out Loud ist definitiv eine Methode, die uns in die digitale Kultur holt. Es ist ein Lernprogramm, um Konventionen und Kultur in einer transformierten Gesellschaft kennenzulernen. (An dieser Stelle muss ich aufpassen, dass die Theoretikerin in mir nicht durchgeht, die liebend gerne über die „Nächste Gesellschaft“ redet, sondern praxisnah bleibe.)

Gehen wir nochmal einen Schritt zurück. Unsere tägliche Kommunikation hat sich in den letzten 10 Jahren unglaublich gewandelt – sowohl privat wie auch beruflich. Tools wie Facebook, LinkedIn, ESNs, WhatsApp & Co benötigen einen anderen Umgang, als wir ihn bisher gewöhnt waren. Und: Wandel ist langsam. Nur weil wir den technischen Umgang mit einer App beherrschen, heißt das noch lange nicht, dass wir die Kulturtechnik dahinter wirklich angeeignet haben. Zahlreiche Sinnlos-Nachrichten in WhatsApp Gruppen und Phänomene wie Katzenvideos auf YouTube sprechen ja wohl Bände ;-) (Und auch hier muss ich wieder aufpassen, dass die Kommunikationswissenschaftlerin nicht mit mir durchgeht…)

Working Out Loud kann Menschen helfen, in dieser Gesellschaft, die durch die Einführung des Computers einen ebenso krassen Wandel erlebt wie durch die Einführung des Buchdrucks, einen Platz zu finden und die eigene Rolle zu etablieren, indem kulturell akzeptierte Verhaltensweisen erlernt werden. (Gut, spätestens jetzt ist es mit mir durchgegangen, schätze ich.)

Die wichtigste Frage ist eigentlich: Warum ist Working Out Loud in diesen Dingen so erfolgreich? John Stepper selbst sagt, dass er nichts großartig Neues entwickelt hat und seine Tipps nicht bahnbrechend sind. Sind es einzelne Übungen? Oder die Zusammensetzung von Inhalten innerhalb eines Circle Guides? Ist es die Dauer über 12 Wochen? Oder etwas ganz anderes?

 

Ich habe darauf keine Antwort, glaube aber, dass drei Punkte eine wichtige Rolle spielen:

1. Wer ist der WOL-Teilnehmer?

Janine Kirchhof reflektiert, dass WOL vor allem für Leute gut funktioniert, die einen gewissen Veränderungsdruck haben. Die sich ändern wollen. Menschen, die eigentlich ganz zufrieden sind, entwickeln oftmals nicht genug Zug, um WOL komplett durchzuziehen. Meine eigene Erkenntnis war, dass ich WOL bereits seit vielen Jahren praktiziere und deshalb ein Stück weit von den einzelnen Aufgaben irritiert war. Meine These ist: Je nach „Digitalem Reifegrad“ der Teilnehmer sind andere Bestandteile aus der WOL-Methode besonders wirksam und interessant.

 

2. In welchem Kontext wird WOL eingesetzt?

Bei seinem Vortrag auf der Zukunft Personal Europe erwähnte John Stepper verschiedene Use Cases, für die WOL als Methode von Unternehmen verwendet wird, z.B. beim Onboarding, zum Thema Diversity etc. Ich sehe noch viele, viele andere Use Cases für WOL – von Learning bis zum Projektmanagement. Entscheidend ist, dass dann die 12 Wochen Circle Variante nicht immer die passende ist. Je elaborierter die Ausgangssituation, desto wichtiger ist es, die WOL-Methode Maßzuschneidern und – im Rahmen der Möglichkeiten des Urheberrechts – anzupassen.

 

3. Wie reflektiert wird WOL eingesetzt?

Seien wir ehrlich: Working Out Loud ist ein absolutes Trendthema – und mehr als ein Mal hatte ich das Gefühl, dass mein Gegenüber mit dem erwähnten „Wir machen jetzt auch WOL“ nur meinte: „Wir wollen das jetzt unbedingt auch ausprobieren! Wenn es alle machen, machen wir es auch.“ Nichts gegen Ausprobieren – im Gegenteil, einfach die Methode selbst erleben und sich auseinandersetzen ist super! Aber dieses WOL für alles und jeden… das kann doch nicht funktionieren. Unabhängig von der WOL-Methode! Keine Methode, egal wie großartig sie ist, kann immer für jeden und in jeder Situation die passende sein. Teilweise habe ich das Gefühl, WOL wird ähnlich wie Design Thinking noch vor einigen Jahren und etliche weitere agile Methoden auch heute noch „einfach mal gemacht“. Ohne Idee, ohne Reflexion, ohne Ziel. Wie sollen Ergebnisse da über ein „Hach, das war nett!“ hinausgehen? Deshalb begrüße ich die Entwicklung der Möglichkeiten, sich mit WOL als Methode auseinanderzusetzen und nicht nur (!) die Ebene des Selbst Teilnehmens zur Verfügung zu haben, sehr.

 

Ich bin davon überzeugt, dass Working Out Loud dann seine volle Wirkung entfalten kann, wenn es sich als Methode weiterentwickelt und die einzelnen Bestandteile deutlicher sichtbar werden – und leichter, besser und schneller miteinander kombiniert werden können. So wie es beispielsweise Sebastian mit seinem Vorschlag einer Kurzversion für wiederholte Circle-Teilnehmer getan hat.

Natürlich wäre es übertrieben zu behaupten, dass WOL als Methode ähnlich komplex und flexibel ist wie beispielsweise Design Thinking. Oder so anpassungsfähig wie das Framework Scrum. Zumindest: noch nicht. Ich bin mir allerdings sehr sicher, dass die WOL-Community auf dem besten Wege ist, WOL zum WOL-Baukasten weiterzuentwickeln und damit das volle Potential von WOL auszuschöpfen.

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