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Ich bin Mutter, was ist Deine Superpower?

Im Juni (oder war es noch Mai? Es war jedenfalls unglaublich heiß, aber diese Tatsache lässt in diesem Sommer ja nicht auf ein bestimmtes Datum rückschließen) war ich zu Gast in einem Design Thinking Seminar mit der fabelhaften Inga Wiele. Inga hatte ich vor ein paar Jahren auf einem Start Up Hackathon Wochenende in Hamburg kennengelernt und es war Liebe auf den ersten Blick. Sie stellte sich vor als „Mutter von drei Kindern“ und ich weiß noch wie heute, dass ich mich fragte, warum sie das machte. Später erzählte sie mir, dass sie sehr gerne erst einmal tief stapelt, um nicht sofort in bestimmte Schubladen gesteckt zu werden (tatsächlich hatte sie zu diesem Zeitpunkt eine tolle Karriere bei SAP hinter sich und hatte sich gerade mit ihrem Mann selbstständig gemacht).

Diese Art, das Mutter sein in den Vordergrund zu stellen, holte mich dann tatsächlich knapp 5 Jahre bei unserem Wiedersehen im Bahnhof Bickenbach bei Ingas Vertiefungsseminar zum Design Thinking ein. Während des Seminars, bei dem wir Methoden des Design Thinkings mit Methoden der Achtsamkeit anreicherten – übrigens mit erstaunlichen Ergebnissen – sprachen wir sehr lange darüber, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse unserer Kunden, Lieferanten, Mitglieder, Zielgruppen, … zu verstehen. Mehr noch: Eigentlich liegt im Nachvollziehen dieser Bedürfnisse die Grundlage für unsere Wertschöpfung.

Je länger wir darüber sprachen, desto klarer wurde mir, dass es zwei Dinge in meinem Leben gibt, die mich in puncto Bedürfnisse verstehen, Lichtjahre nach vorne gebracht haben: Das Eine ist meine Tätigkeit als Traurednerin (denn dabei geht es immer darum, zwischen und vor allem hinter den Zeilen zu lesen, um herauszufinden, welche Art von Zeremonie für die Brautpaare WIRKLICH emotional und bewegend wird (Anmerkung: In der Regel sind es nicht die Dekodetails, über die sich die Braut Gedanken macht.)) – das Andere ist die Tatsache, dass ich Mutter von zwei kleinen Töchtern bin.

Denn: Mütter sind wahre Experten für das Erkennen von (Kunden-)Bedürfnissen. Klick um zu Tweeten

Wenn man zum ersten Mal Mutter oder Vater wird und plötzlich in den Erziehungsdiskurs eintritt, stolpert man sofort über das aktuelle Erziehungsparadigma der Bedürfnisorientierung. Dabei geht es darum, die Bedürfnisse der Kinder – ebenso wie die der Eltern – ernst zu nehmen und danach zu handeln. Klassische Schlagworte dazu sind Einschlafbegleitung, Baby Led Weaning, Stillen nach Bedarf & Co. Aber nicht erst seit diesem Erziehungstrend, sondern auch schon in den Generationen davor waren Mütter die Expertinnen für das Erkennen von Bedürfnissen.

Denn ganz ehrlich? In den ersten Monaten liegt da ein kleines Bündel im Arm, das schläft, gluckst… oder weint. Es weint, wenn es Hunger hat, es weint, wenn es müde ist, es weint bei Bauchweh, Zahnweh, Heimweh, alles weh. Oder manchmal auch einfach nur, um Stress abzubauen. Manche Mütter behaupten, sie würden an der Art des Weines/Schreiens unterscheiden, was dem Kleinen gerade fehlt. Andere entwickeln eine Intuition (= implizites Wissen, das aus Erfahrung gewonnen wird), andere haben eine Intuition (= Zugriff auf unterbewusste Sensoren, die eben mehr Information zwischen Baby und Mutter austauschen als über das reine Weinen). So oder so: Mütter von Babys sind perfekte Bedürfnis-Erkennung-und-Befriedigungs-Maschinen. Das gilt natürlich auch für Väter, insbesondere wenn sie viel Zeit mit ihren Kindern im Alltag verbringen.

Damit aber nicht genug: Sobald die Trotzphase beginnt, wissen Mütter und auch Väter um den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen „Zieh bitte Deine Jacke an“ und „Zieh bitte Deine Jacke an“. Ein minimaler Unterschied in Tonhöhe, Lautstärke oder auch einfach nur Geschwindigkeit kann dazu führen, dass ein halbstündiger Besuch bei Oma zu einem Drama wird, das den ganzen Nachmittag zu einem Spießrutenlauf werden lässt. Oder auch nicht. Zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr mutieren die süßen Kleinen sehr gerne zum brüllenden Monster, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf läuft. Und das nicht, weil sie verzogen sind, sondern tatsächlich einfach, weil das Gehirn noch nicht ausgereift ist. (Wer sich für Details interessiert: https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de)

Eltern sind also echte Experten dafür, wirkliche Bedürfnisse zu erkennen – denn sie haben in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder unfassbar viel Erfahrung gefunden. Insbesondere die Unterscheidung von Wünschen und Bedürfnissen (Wish + Need) beherrschen Väter und Mütter aus dem Effeff.

Dem Spruch „I’m a mom – what’s your superpower?“ wird man in den sozialen Medien sehr häufig begegnen – aber nur selten machen sich Eltern bewusst, was das tatsächlich bedeutet: Als Bedürfnis-Experten bringen sie Wissen und Strategien mit, nach denen Unternehmen händeringend suchen. Denn darüber sind wir uns einig: Nur die Unternehmen, die in Zukunft nah am Markt und damit an den Kundenbedürfnissen sind, werden erfolgreich bleiben können. Und die Unternehmen, die im Sinne der Transformation heute schon sehr gut aufgestellt sind, verstehen es, sich binnen kürzester Zeit neu zu erfinden und neu auszurichten: immer im Hinblick auf die Bedürfnisse ihrer Kunden. 

 

1 Comment

  • Reply
    Bedürfnis oder Wirkung? Das ist hier die Frage. - Die Linhart
    30. August 2018 at 16:08

    […] kurzem habe ich dann noch einen Artikel geschrieben zum Thema Bedürfnisorientierung und warum Mütter dafür echte Expertinnen sind. Also – was ist denn jetzt entscheidend? Wirkungsorientierung oder […]

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