In Digitalisierung/ Praktische Theorien

Eigentum verpflichtet: Unser Umgang mit Daten & die DSGVO

Ein Gespenst geht um in Europa – und sie nannten es: Datenschutz-Grundverordnung. Selten hat es ein Gesetz geschafft, so nachdrücklich auf unseren Alltag zu wirken. Sei es im Beruf, wo plötzlich Kontaktformulare auf der Homepage angepasst werden müssen oder Datenschutzbeauftragte verzweifelt gesucht werden, oder im privaten E-Mail Postfach, das rund um den 25. Mai mit unzählbaren E-Mails verstopft war, die alle eine Abkürzung im Betreff trugen: DSGVO.

Insbesondere kleine Unternehmen ächzen ob der „Unmöglichkeit der Umsetzung“ der Grundverordnung, etliche Blogger haben beschlossen, einfach Schluss zu machen – und nehmen ihren Blog offline. Wo man nur hinhört: An allen Ecken und Enden wird gejammert. Und ich muss sagen: Ich kann es nicht mehr hören.

Jaa, etliche Bestimmungen aus der DSGVO nicht nur schwer umzusetzen. Jaa, insbesondere für kleine Unternehmen oder Ein-Mann-Betriebe ist das kein Zuckerschlecken. Aber mal ehrlich? Die Fragen, die uns die DSGVO stellt, hätten wir alle schon längst für uns beantwortet haben.

Die Datenmenge, die wir alle durch die Digitalisierung produzieren, wächst exponentiell – und Hochrechnungen zeigen anschaulich, was das genau bedeuten kann. Immer, wenn ich eine solche explodierende Grafik sehe, muss ich an das Rolf Zuckowski-Lied aus meiner Kindheit denken: „Alle wissen alles – keiner weiß Bescheid. Lauter Fragezeichen, Zeichen dieser Zeit. Jede Menge Daten, überall bereit. Alle wissen alles – keiner weiß Bescheid.“ Je mehr Daten wir produzieren, umso wichtiger wird es auch sie zu beherrschen. Und z.B. gute Löschkonzepte zu haben. Ich weiß beispielsweise nicht, wie oft meine Abschlussarbeit aus dem Studium auf meiner externen Festplatte liegt. Ein Mal bei den Unterlagen aus dem Studium, ein zweites Mal bei meinen Bewerbungen und wahrscheinlich noch mindestens zwei Mal als „Better Save Than Sorry“-Kopie. Von Musiktiteln (in Ordnern nach Interpret, Album, Genre und natürlich zig Playlists verteilt) und Fotos (Sicherung 1, Von der Kamera, 2017, Ostern 2017, Album für Oma, Ausdrucken, …) ganz zu schweigen.

Wenn wir für unseren privaten Umgang schon keine Strategien haben, wie wir mit unseren digitalen Daten umgehen - wie können wir annehmen, dass es für den öffentlichen Umgang keine Regelungen braucht? #DSGVO Klick um zu Tweeten

Die DSGVO regelt dabei ja noch viel mehr als nur die Frage, welches Plugin denn jetzt datenschutzkonform ist oder nicht und wie das Verfahren zur Anmeldung eines Newsletters laufen muss (kleine Notiz am Rande: Double Opt In war auch vorher schon verpflichtend…): Wir sind verpflichtet, darüber Auskunft geben zu können, mit welchen Daten wir hantieren, wie wir sie verarbeiten und wer darauf Zugriff hat. Das sind richtige und wichtige Fragen! Wie oft erleben wir, dass Daten ungefragt weitergegeben werden? Und dass – ohne unser Wissen – persönliche Daten an Personen gegeben werden, denen wir selbst nie Auskunft über diese Fragen erteilen würden?

Sicher, solange das im Rahmen von „Guten Tag, liebe Eltern, wir haben der Kindergartenfotografin mitgeteilt, wie Ihre E-Mailadresse lautet, damit sie Ihnen das Gruppenbild per E-Mail zuschicken kann“ ist, haben wir da gar nichts dagegen. Im Gegenteil, es ist sogar ganz praktisch! Aber wenn dann mal Daten durchsickern wie im Facebook Datenskandal, ja dann ist die Empörung groß. Wir messen Daten immer noch mit zweierlei Maß und haben keinen Überblick darüber, welche Potentiale aber auch Gefahren durch die Digitalisierung personenbezogener Daten entstehen. Klick um zu Tweeten

Wir leben aber nun einmal in einer sich digitalisierenden Welt, deren Fortschritt immer schneller wird – und so viel schneller läuft, dass wir gar nicht hinterherkommen. Sowohl persönlich als auch was einen gesellschaftlichen Konsens über den Umgang mit den Folgen dieser Entwicklung angeht. Denn nichts anderes ist ein Gesetz wie die DSGVO ja: eine kollektiv verbindliche Entscheidung über den Umgang mit Daten. Was die DSGVO regelt, erscheint wie Peanuts, wenn man sich mal vor Augen führt, welche Entscheidungen wir als Gesellschaft beispielsweise auf den Umgang mit künstlicher Intelligenz getroffen haben – insbesondere in Sachen Moral und Ethik. Horrorszenarien, wie KI versucht sich des Menschen zu entledigen, gibt es mittlerweile mehr als genug. Dennoch gibt es in Deutschland noch keine Regelungen.

Apropos Deutschland: Die DSGVO ist eine europäische Regelung, die nicht nur den Datenschutz innerhalb Europas harmonisieren soll, sondern die auch den Datenaustausch innerhalb der EU-Ländern vereinfachen soll. Diejenigen in meiner Timeline, die jetzt am lautesten über die DSGVO meckern, sind paradoxerweise auch diejenigen, die sich darüber aufregen, wie es denn sein könne, dass ein verurteilter Mörder in Deutschland unerkannt frei herumläuft und straffällig wird, wenn doch die Behörden aus Land XY schon längst hätten… ja was hätten sie denn? Alarm schlagen, Daten weitergeben? Herzlichen Glückwunsch, die DSGVO will für einen freien Verkehr personenbezogener Daten innerhalb der EU sorgen – und damit die Unsicherheiten bzgl. der Vereinbarkeit unterschiedlicher nationaler Datenschutzregelungen aus dem Weg räumen.

Natürlich habe auch ich am eigenen Leib erfahren, wie umfassend einige Anpassungen im Rahmen der DSGVO sind – und als freie Hochzeitsrednerin muss ich auf einige sehr hilfreiche Lösungen, die sich im Alltag bewährt haben, verzichten. Das heißt konkret auch, dass meine Dienstleistung durchaus einiges an Service einbüßen wird. Der einzige Vorteil dabei: Ich brauche nur DSGVO zu sagen und schon haben alle Verständnis für doppelt und dreifache E-Mails und andere Zeitfressmaschinen. Klick um zu TweetenAnders würde es wahrscheinlich aber aussehen, wenn ich aus eigener Überlegung heraus meinen Umgang mit personenbezogenen Daten geändert hätte.

In Artikel 14 unseres Grundgesetz heißt es: Eigentum verpflichtet. Das gilt eben insbesondere auch für die Daten, die in unserem Besitz sind. Es wird Zeit, dass wir uns nicht nur im Vorbeigehen damit beschäftigen, wie wir sinnvoll mit digitalen Daten & Co umgehen, sondern uns Zeit dafür nehmen und mit Blick in die Zukunft, auf das, was möglich sein wird, ethische Grundlagen gestalten.

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