In HR der Zukunft/ Start

Alles inklusive? Weshalb korrektes Gendern in Stellenanzeigen wichtig ist – und schwierig.

Gesucht: Kaufmensch. Mit dieser Stellenanzeige hat es angefangen. Eine wilde Twitter-Diskussion über „Genderquatsch“ und weshalb die Formulierung „Kaufmensch“ der Höhepunkt eine unsäglichen Entwicklung in Deutschland sei. In erster Reihe mit der dabei Deutschlands TOP-Personalmarketing Experten. Und ja, natürlich geht es mir auch so, dass eine Stellenbezeichnung wie „Kaufmensch“ erst einmal seltsam aufstößt und sich grammatikalisch falsch anfühlt – und es laut aktuell gültiger Rechtschreibung sicherlich auch ist. Gleichzeitig hat mich die Grobheit des Diskurses überrascht und auch ein Stück weit wütend gemacht. Denn da wurde über betroffene Unternehmen hergezogen und gelästert und als Argument mal wieder die angebliche „Angst“ von Betrieben vor Abmahnung angeführt, weil Stellenanzeigen nicht inklusive genug formuliert seien. Halten wir uns deshalb an die Fakten – und die werden sehr schön von Henner Knabenreich zusammengefasst. Fazit: Unternehmen sind zu einer „geschlechtsneutralen Ansprache“ verpflichtet, wie diese genau auszusehen hat, bleibt offen. Wir können also davon ausgehen: Wenn Unternehmen von „m/w/d“ oder ähnlichem sprechen, dann tun sie das aus anderem Grund als rechtlichen Gründen – meistens tun sie es wahrscheinlich, „weil das gerade alle machen“. Ein „m/w/d“ in einer Stellenanzeige gibt also keinen Hinweis auf den Umgang innerhalb eines Unternehmens mit Geschlechteridentitäten.

Das bedeutet aber umgekehrt, dass alles, was von der Flut an Stellenanzeigen abweicht, sich genau damit beschäftigen könnte – und damit die Unternehmenskultur nach außen transportieren kann, wenn gewünscht. Nochmal: Ja, auch in meinen Ohren klingt „Kaufmensch“ unsäglich – vielleicht aber nimmt das besagte Unternehmen genau das in Kauf, um einen Wert, der in der Unternehmenskultur wichtiger ist als korrekte Rechtschreibung, sichtbar zu machen. Umso verwunderter bin ich, dass Personalmarketing- und Employer Branding Experten, die sonst auf Individualität und Kreativität größten Wert legen, auf (zugegebenermaßen unbequeme) Worterfindungen wie den Kaufmenschen so empfindlich reagieren.

Sprache ist Evolution – sie entwickelt sich weiter, sie entwickelt sich mit der Gesellschaft und unserer Kultur. Die Regeln der Grammatik und Rechtschreibung werden nie innovativ und wegweisend sein, sondern immer historisch, sie greifen neue Wörter und Sprechgewohnheiten erst nach einer gewissen Zeit auf, dokumentieren diese und damit auch (Zwischen-)Ergebnisse von gesellschaftlichem Wandel. Eine Falschheit von Sprachexperimenten mit dem Verweis auf geltende Rechtschreibung zu belegen ist deshalb ebenso witzlos wie unsinnig. Selbstverständlich sind diese Ergebnisse dieser Wortfindungsphase falsch (weil: nicht richtig) – das macht sich aber nicht weniger wichtig. Im Gegenteil: Sie sind besonders wichtig, weil sie zum gesellschaftlichen Diskurs um Geschlechteridentitäten, deren Ausprägungen und deren Anerkennung (zum Beispiel im betrieblichen Alltag) beitragen. 

Was bedeutet denn zum Beispiel Intersexualität? Was verändert sich für eine Person, die sich selbst als non binary einstuft, wenn sie auch im Alltag als solche gewürdigt wird? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Was wir aber wissen, ist, was sich für Frauen, für Schwarze und für andere Gesellschaftsgruppen verändert hat, als wir angefangen haben, anders über sie zu sprechen, sie anders einbezogen haben und es ihnen ermöglicht haben, anders in der Welt zu wirken als sich mit der Tatsache ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder sonstigen Dingen zu beschäftigen. Man stelle sich einmal vor! Da wird heute irgendwo ein Kind geboren, das das Zeug dazu hat, Krebs zu heilen, den Klimawandel zu stoppen oder sogar den Weltfrieden zu bringen – und anstatt dieser Berufung nachzukommen, beschäftigt es sich mit der Frage, was non binary genau bedeuten soll und ob es seinen Eltern davon erzählen soll.  

Insofern wünsche ich mir mehr sprachliche Experimente, mehr Diskussion und ja, damit einhergehend auch mehr Wortfindungsschwierigkeiten - und weniger Genderquatsch-Gequatsche. Klick um zu Tweeten Denn am Ende des Tages geht es nicht darum, „alles inklusive“ zu machen, sondern gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten und den eigenen Bewerberpool zu diversifizieren und damit auch die Belegschaft. Denn das Diversität in Teams zu besseren Ergebnissen führt, sollten wir heute nicht mehr diskutieren müssen.

 

 

Photo by Sharon McCutcheon on Unsplash